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Mersch, Werner; Sprechmachinen und Musikboxen
Aus: Wenn der Groschen fällt
gleichnamiges Buch zur Ausstellung im Deutschen Museum
Cornelia Kemp und Ulrike Gierlinger
München 1989

Sprechmachinen und Musikboxen

von Werner Mersch

Die Geschichte der Musikbox begann im Jahr 1877, als Thomas Lava Edison den ersten Zinnfolien-Phonographen entwickelte, den Vorläufer für die späteren Musikautomaten mit Walzen (vgl. Kat. Nr. Ton und Abb. 124). Da Edison seine Erfindung vor allem für den Geschäftsbereich, beispielsweise als Diktiergert. realisieren wollte, übernahmen zunächst andere seine Idee für die Musikautomaten.' Der zweite Schritt zur Musikbox kam von Emil Berliner, der sich 1887 das erste Grammophon patentieren ließ und die Weiterentwicklung der Schallplatte und der Sprechmaschinen, wie die Grammophone auch noch nach der Jahrhundertwende genannt wurden, wesentlich beeinflußte (vgl. Kat. Nr. 99 und Abb. 125). Den ersten Musikautomaten mit Münzeinwurf stellte Louis Glas 1889 im Palais Rayone Salon in San Francisco vor. Dieser Automat besaß vier Hörschläuche mit jeweils einem Münzeinwurf, so daß jeder für das Abhören der Musik einzeln bezahlen mußte. Bereits 1906 produzierte die Joh. Gabel Company den ersten Münzplattenspieler, der nun die von Emil Berliner 1887 entwickelte Schallplatte verwandte. Der "Automatik Entertainer, wie ihn Gabel nannte, verfügte über 24 Wahlmöglichkeiten; aus einem riesigen Grammophontrichter kam die Musik. In verschiedenen Abwandlungen wurden diese Musikautomaten - Walzen oder Schallplatten - hergestellt, ohne da sich ein groer Absatzmarkt gebildet hätte. Erst als 1927 mehrere Firmen den elektrischen Verstärker einführten, konnte die Musikbox nun in der Lautstärke mit Bands oder auch mit den Orchestern konkurrieren.

Die Amerikaner und ihr Verhältnis zur Musikbox

Entgegen den Vorstellungen der puritanisch orientierten Politiker Amerikas, die 1920 die Prohibition als Reaktion auf den neuen, vom Jazz bestimmten Lebensstil der Amerikaner durchsetzten, war das Bed[rfnis nach Unterhaltung groß. Und so trafen sich die weißen Amerikaner, die das Alkoholverbot umgehen wollten, in den sogenannten "Speakeasies". Das waren Hinterkneipen, die auch durch Jukeboxes Abwechslung boten. Die Clubbesitzer brauchten keine teueren Bands zu bezahlen, und die Boxen sorgten für Unterhaltung und boten die Möglichkeit zu tanzen.

Für die Schwarzen Amerikas war allerdings im Norden der Besuch jeglicher Lokale verboten. Sie feierten deshalb auf ihre Art, indem sie "Rent Parties" veranstalteten. Um die Miete bezahlen zu können verkaufte man Bier, Spaghetti und Chili con carne. Durch die Jukebox, die man sich über das Wochenende vom Aufsteller auslieh, wurden diese Parties noch attraktiver, und die Veranstalter erhielten durch den Gewinn, der mit der Jukebox gemacht wurde, einm zusätzliches Einkommen.

Auch im Süden Amerikas fanden die Jukeboxes besonderen Anklang. Die Radiosender waren fest in der Hand der Weißen, die bevorzugt leichte Unterhaltungsmusik spielten und Jazz, Country und Blues verschmähten. Die Schwarzen wollten aber in den Lokalen, in denen sie Zutritt hatten, ihre Musik hören. Jelly Roll Morton, Kid Ory, Billie Holliday, Louis Armstrong und Duke Ellington waren die Stars, die sie nur aus den Musikboxen der "juke joints " hören konnten. Woher der Begriff "Juke" kommt, läßt sich nicht mehr eindeutig belegen. Einmal wird vermutet, da das Wort eine Verballhornung von "Jute" ist, da sich die Schwarzen nach der Arbeit auf den Jutefeldern in den "jute points" trafen. Eine andere Erklärung gibt an, daß das Wort afrikanischen Ursprungs sei und von den Schwarzen Amerikas für "to jook = tanzen" verwendet wurde

Bis in die 30er Jahre war die Jukebox als "Automatic Phonograph" bekannt; wegen der Orte, an denen sie aufgestellt wurde, war sie - zumindest aus der Sicht der weißen Amerikaner - mit einem zweifelhaften Ruf behaftet. Trotzdem verlor die Musikbox nichts von Ihrer Attraktion, nicht einmal während der Wirtschaftskrise, denn für einen Nickel konnten auch die armen Leute durch die Musik für ein paar Minuten ihre Situation vergessen.

Als das Alkoholverbot aufgehoben wurde, eröffneten nahezu an jeder Straßenecke Lokale, und über Nacht entstand eine riesige Nachfrage nach Jukeboxes. Die Zahl der Stellp1ätze stieg von ungefähr 25.000 im Jahr 1933 auf 225.000 im Jahr 1937. Diese Steigerung war dreimal so hoch wie die an sonst üblichen Gebrauchsgütern im selben Zeitraum.

Blütezeit der Musikbox

Die führenden Hersteller von Jukeboxes waren AMI, Mills, Rock-Ola, Seeburg und Wurlitzer. Aber auch kleinere Firmen wie die Joh. Gabel Company und Filben hatten gute Absatzchancen.

Der wahrscheinlich erfolgreichste Hersteller ist Wurlitzer. Die Anfrage der Rudolph Wurlitzer Company lassen sich schon auf 1856 datieren. Damals gründete der deutsche Auswanderer Rudolph Wurlitzer sein erstes Geschäft für Musikinstrumente, die er überwiegend aus Deutschland bezog. In den folgenden Jahren vergrößerte sich das Unternehmen: Wurlitzer vertrieb beispielsweise mechanische Musikinstrumente der Regina Company und ergänzte sie durch einen Münzeinwurf. 1909 übernahm Farn Wurlitzer, der dritte Sohn von Rudolph, die Orgelfabrik von Eugen DeKleist in North Tonawada. Berühmt wurde Wurlitzer mit dem Modell "P 10-Simplex". Das Gehäuse der Musikbox war noch ganz in der Tradition des schlichten Orchestrationsbaus aus Holz; gewählt werden konnte aus 12 Titeln mittels einer Telephonwählscheibe.

Schnell stieg Wurlitzer zum größten Hersteller von Musikboxen auf. Diesen Erfolg hatte das Unternehmen dem genialen Verkaufsmanager Capehart sowie dem herausragenden Designer Paul Fuller zu verdanken. Capehart baute ein straff organisiertes Vertriebssystem auf, das von anderen Firmen später nachgeahmt wurde. Anfang 1940 schied Capehart bei Wurlitzer aus.

Noch Jahre später - er war inzwischen Senator des Staates Indiana - blieb er aber der Musikbox treu. Denn 1946 brachte Capehart bei der Packard Company die "Plamor" und die "Mannhaften" heraus. Paul zunächst durch die großen Kinoorgeln wie die "Mighty Wurlitzer", die in der Stummfilmzeit hergestellt wurden. Die erste Musikbox baute Wurlitzer 1933. Dieses Modell trug noch nicht das Firmenzeichen, da man mit ihm testen wollte, inwieweit für Musikboxen ein Markt vorhanden war. Ab 1934 nahm Wurlitzer dann die Großproduktion Fuller, der von 1934-1948 für Wurlitzer die bedeutendsten Modelle entwarf, entwickelte ein erfolgreiches Styling-Konzept. Die Jukebox sollte neben der Unterhaltung durch die Musik auch optisch auf sich aufmerksam machen. Dazu waren Materialien und Formen notwendig, die den Benutzer ansprachen und die auch aus der nicht immer farbenfrohen Umgebung, in der die Musikbox stand, herausstachen. Langeweile durfte nicht aufkommen, deshalb versuchte man durch möglichst viele Modelle Abwechslung zu bieten und durch immer neue Effekte Erstaunen auszulösen. Wahrend sich die Mechanik des Plattenspielers nur wenig änderte, präsentierte Wurlitzer bis zu sieben verschiedene Modelle in einem Jahr. Mit dem "Model 24" brachte Wurlitzer 1937 die erste Musikbox mit beleuchteten, roten Plastikteilen heraus, die an den Seiten und vorne über der Lautsprecherverkleidung der Musikbox eingesetzt waren. Bei den nachfolgenden Modellen wurden die beleuchteten und farbigen Plastikteile vergrößert und verchromte Zierleisten verwendet (Abb. 17)." 1941 kam mit der "Peacock" ("Model 850") eine Musikbox heraus, die auf dem gesättigten Markt wieder eine Neuerung der Farbeffekte brachte. Man verwendete polarisierte Filme, die auf sich drehenden Scheiben aufgebracht und beleuchtet wurden. Die Pfauen in der Mitte der Musikbox, deren Pfauenfedern ornamental ausgestaltet sind, changieren dadurch in den verschiedensten Farben. zusätzlich sind bei diesem Modell natürlich auch noch Teile der Lautsprecherverkleidung und die Seiten mit beleuchteten Plastikelementen verziert. Die Pfauenfeder wird als dekoratives Element nochmals als Hintergrund der Plattenspielanlage eingesetzt. Um die Position als marktführendes Unternehmen nicht einzubußen, setzte Wurlitzer noch weitere Strategien ein. So bot Capehart seien Kunden ein großzügiges Austauschprogramm an. Alte Modelle sollten, auch wenn sie noch bestens funktionierten, durch neue Modelle ersetzt werden. Eine Marktlücke schloß wurlitzer durch die "Counter Models". Sie waren für kleinere Geschäfte wie Tabakläden, Friseurgeschfäte oder Tankstellen konzipiert, die nur wenig Stellfläche zur Verfügung hatten. Das Gehäuse dieser Modelle war nicht größer als das einer normalen Registrierkasse, so da sie bequem und platzsparend auf jeden Tresen gestellt werden konnten.

1906 gründete Justus P. Seeburg, der 1886 in die USA ausgewandert war, die J. P. Seeburg Piano Company. Wie Wurlitzer begann Seeburg mit der Produktion von Orchestrien und wurde bald führender Hersteller von elektrischen Klavieren. Als 1927 der Absatz der elektrischen Klaviere stagnierte, stellte Seeburg die Produktion auf die sogenannten "Audiophones" um, Musikboxen, die wie die Orchestrien in Holzschrnke eingebaut waren und sich bis 1934 gut verkaufen ließen. Nils Milder, der Designer der Seeburg Co., soll der erste gewesen sein, der 1938 transparentes Plastik für die Verkleidung der Musikbox verwendete. Im Vergleich zu den Wurlitzer Musikboxen, die meist in der Form eines Rundbogens gestaltet sind, haben die Seeburg Jukeboxes einen rechteckigen Körper mit abgerundeten Ecken und einer beleuchteten Kuppel; der Plattenspieler ist im Gehäuse verborgen. Ein der beliebtesten Musikboxen war die "Symphonola Classic" von 1939, bei der an der Vorderseite ber dem Lautsprecher blau-grün-gelb marmoriertes, an den abgerundeten Seiten rotes und für die Kuppel grünes Plastik verwendet wurde. Bis auf die "Deluxe" ("Model 9800") und "Super" ("Model 88oo") von 1941 variierte Seeburg weitgehend die oben beschriebene Grundform durch die verschiedensten Materialien. Bei den Modellen von 1941 sind die Lautsprecher in einen turmartigen Aufbau eingebaut, der dem Grundkörper aufgesetzt ist. Dadurch kann die Musik nach allen Richtungen angestrahlt werden. An der Vorderseite des unteren Teils ist eine Tür aus Preßglas, die durch sich drehende Farbzylinder von innen beleuchtet wird.
Eine ähnlich in der Formgebung auergewöhnliche Musikbox stellte 1939 die Automatic Musical Instrument Company (AMI) vor, die 1925 aus zwei älteren Firmen hervorgegangen war. Der "Sinnig Towers", der einem Hochhaus oder Turin mit drei Etagen und Kuppel nachempfunden ist, strahlte die Musik nach allen Seiten ab. Anstelle der Plastikverkleidung wurden hier die Seitenteile und die Kuppel aus Preglas mit ornamentalem Relief hergestellt und von Innen mit bunten Lampen beleuchtet. Außergewöhnlich war bei allen AMI-Plattenspielern der Plattenwechselmechanismus, der schon um 1925 von B. Kenyon entwickelt und von AMI sofort übernommen wurde. Bei diesem Plattenwechsler konnten erstmals beide Seiten abgespielt werden, indem eine "eiserne Hand" aus dem senkrecht stehenden Plattenstapel eine Platte herausgriff und sie auf den Plattenteller legte. Die Mills Novelty Co., deren Vorläuferfirma schon 1878 gegründet wurde, spezialisierte sich am Ende des 19. Jahrhunderts auf Automaten mit Münzeinwurf. 1926 brachte sie die erste Musikbox auf den Markt, genannt "Dance Master", die im Stile der Zeit aus einem Holzschrank mit Sichtfenster bestand. Obwohl Mill. die Produktion der Musikboxen nie besonders in den Vordergrund stellte, brachte sie 1939 zwei sehr beliebte Musikboxen heraus: Die "Express", deren Charakteristika gelbe, violette und marmorierte Plastikteile und geschwungene bronzefarbene Beschläge sind, und die Throne of Music", die in der Farbgebung (rot, gelb) und durch ihre geraden Linien eher konventionell wirkt.
Auch die Rock-Ola Manufacturing Corporation, die als jüngste unter den bekannten Musikboxherstellern 1926 gegründet wurde, begann zunächst als Hersteller von Waagen und Pinball Spielen. Die aus heutiger Sicht sicher originellste Musikbox von Rock-Ola war die "Spectravox" von 1941/42. Sie besitzt die Form eines gestauchten und gekappten Obelisken mit einer aufgesetzten Schale, in der ein Lautsprecher untergebracht ist, der die Musik nach oben abstrahlt. Der Plattenspeicher war aber nicht in dem Gehäuse untergebracht, sondern stand als sogenannter "Playmaster" versteckt an einer anderen Stelle. Laut Krivine verkaufte sich diese Musikbox besonders schlecht, da sie gegen eines der üblichen Gestaltungsprinzipien der meisten Firmen verstieß: Die Musikboxen muten als Variation des Vorgängermodells und trotzdem als neu erkannt werden. Vor allem die Lichteffekte und die verschiedenfarbige Gestaltung der Plastikteile waren die wesentlichen Elemente her Neugestaltung. Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg änderte sich die Situation der Musikboxindustrie. Materialien wie Plastik und auch Metall wurden rationiert. Bereits das "Model 950 (1941/42) von Wurlitzer war davon betroffen. Holz ersetzte die Metallapplikationen; und es wurden insgesamt nur 3.400 Modelle hergestellt. Im Frühjahr 1942 mute die Jukeboxproduktion ganz eingestellt werden, und die meisten Firmen produzierten nun für die Rüstungsindustrie. So baute Wurlitzer Enteisungsanlagen für Flugzeuge und Seeburg elektromechanische Teile.

Die Musikbox nach 1945

Mit dem Kriegsende 1945 begann auch die Musikboxproduktion wieder. Die Amerikaner waren süchtig nach Unterhaltung, Zerstreuung und Musik. Und da es nur in den teueren Lokalen, die sich nur wenige leisten konnten, Tanzkapellen oder Jazzbands gab, waren die billigeren Lokale mit einer Jukebox gut besucht. Es war die Zeit des "Saturday Night Fever", in der aus jeder Musikbox gegen 10 Cents beispielsweise folgende Hits zu hören waren: "Somebody Else Is" von Benny Goodman, "Moonlight Cocktail" von Glenn Miller oder "Five Minutes More" von Frank Sinatra.

Die Jukeboxes wurden schließlich der Amerikaner liebstes Spielzeug. Ihre Entscheidung, wo sie essen, trinken oder tanzen gehen wollten, machten sie davon abhängig, welche Jukebox das betreffende Lokal zu bieten hatte. Da nun der Bedarf an Musikboxen groß war, kam es erneut zu einem Wettbewerb der verschiedenen Hersteller hinsichtlich der technischen Verbesserung und des Designs. Die Seeburg Corp. kam als erste 1946 mit dem neuen Modell "Symphonola P 146" heraus. Immer noch fand der gut funktionierende, aber voll verkleidete Plattenwechselmechanismus für 20 Platten Verwendung. Dieses Modell und seine Nachfolger "P 147" und "P 148", die mit kleinen Abwandlungen in den beiden folgenden Jahren gebaut wurden, waren wegen ihrer Form wenig erfolgreich. Bekannt wurden sie unter den Bezeichnungen "Waschmaschine", "Abfalleimer" und "Mülltonne". Die AMI Co. brachte 1946 die "Model A" heraus, die gleich nach ihrem Erscheinen zum Bestseller wurde (Abb. 133). Bei ihrem Anblick drängt sich dem Betrachter der Gedanke auf, da der Designer eiscremesüchtig gewesen sein muß. Der zwei Meter hohe Lichtschrein besteht aus hellem mattiertem Acrylglas, das in den verschiedensten Cremefarben durch fluoreszierendes Licht erleuchtet wird. Auf einer Leiste, die vom Boden bis zu den Wahltasten reicht, sitzen beleuchtete rote, grüne und blaue Glassteine wie Juwelen. Nicht zu Unrecht erhielt diese Musikbox den Spitznamen "Mother of Plastic". Auch technisch gesehen hatte "Model A" einiges zu bieten. So konnten 20 Platten von beiden Seiten abgespielt werden, und der Plattenteller startete erst, wenn die Verstärker aufgewärmt waren, so da die Musik von Anfang an in der vollen Lautstärke zu hören war.
Bei Wurlitzer nahm Paul Fuller seine Arbeit wieder intensiv auf. Man erwartete von ihm eine groartige Jukebox, und man sollte nicht enttäuscht werden. Die "Model 1015 wurde die erfolgenreichste und beliebteste Jukebox aller Zeiten. Die Vorderseite des Gerätes besteht aus verschnörkelten Chromapplikationen und einem Lichtbogen. Zwei sich drehende Farbzylinder tauchen die Jukebox in weiche, ständig wechselnde Farben des Regenbogens. "Bubbletubes", Glasröhren, in denen Blasen aufsteigen, umrahmen die gesamte Jukebox. Innerhalb kürzester Zeit konnten 56000 Stück verkauft werden. Der Erfolg dieses Modells kam nicht von alleine. Er wurde von einer bis dahin beispiellosen Werbekampagne mitgetragen. In ganzseitigen Hochglanzanzeigen renommierter Magazine und auf Plakaten wurde verkndet: - "Wurlitzer is Jukebox". Noch bis in die heutige Zeit hat sich dieses Image gehalten. Die Wurlitzer "Model 1015" ist sicherlich die Jukebox mit dem größten Bekanntheitsgrad.
Passend zu dieser Musikbox baute Wurlitzer einen Satelliten-Lautsprecher, das "Model 4008". Der Lautsprecher, der wie ein Autorad gestaltet ist, kann an der Wand oder unter der Decke befestigt werden. Hinter der rotierenden "Radkappe" befindet sich eine Lampe, die durch farbige Plastikscheiben ein Spiegelmosaik beleuchtet.

Rock-Ola stellte 1946 mit der "Model 1422" die ersteMusikbox aus der drei Modelle umfassenden "MAGTC GLO" Serie vor. Diese Modelle bekamen schnell den Spitznamen die 'Tanksäulen". Farblich am interessantesten ist die Rock-Ola Model 1428", bei der tiefstes kandiertes Plastik an den Seiten und als Haube blagrnes Plastik verwendet wurde. Die Kannelierung der Seiten wird in der Haube fortgesetzt und von modellierten Blättern überdeckt. In der Mitte ber dem Gitter des Lautsprechers findet sich nochmals ein kanneliertes Teil, das in verschiedenen Farben leuchtet.

1948 war das sogenannte Golden Age" der Jukebox, das 20 Jahre gedauert hatte, zu Ende. Nach dem Glanz und Gloria der Nachkriegszeit in den USA wandte man sich mehr der Häuslichkeit zu. Zudem war der Bedarf an neuen Jukeboxes schneller gedeckt als erwartet. Mills Novelty Co. verschwand vom Markt, und Wurlitzer konnte von der "Model 1100" (Abb. 134), dem Nachfolger der "Model 1015", nur ungefähr 7.000 Stück verkaufen, der Rest stand unverkäuflich im Lager.

Dieser Einbruch auf dem Markt der Musikboxen wurde auch durch eine Neuerung ausgelöst. Anstelle der 78 UPM Schellackplatten kamen die unzerbrechlichen 45 UPM Singles auf den Markt, auf die die Hersteller der Musikboxen nicht eingerichtet waren. Nur die Seeburg Corp. lag 1948 ganz vorne mit der "M 100 A", die mit dem von Andreas entwickelten "Wall-o-matic" Mechanismus formal und technisch neue Maßstäbe setzte. Obwohl diese Musikbox ursprünglich für Schellackplatten gebaut war, konnte sie leicht umgerüstet werden. Sie bot 100 Wahlmöglichkeiten und damit mehr als das Doppelte als bisher. 50 Platten stehen senkrecht in einem Gestell, aus dem sie herausgehoben und ebenfalls senkrecht abgespielt werden. Seeburgs erfolgreicher Designer Nils Miller brach mit den bisher blichen Bögen und Rundungen und gab der Musikbox ein eckiges Erscheinungsbild mit schmalen Chromleisten, die im harten Licht der Leuchtstoffröhren glänzen. Das völlig neue, kühle Design lief andere Jukeboxes wie Antiquitten aussehen. Seeburg durchbrach damit die marktfhrende Position von Wurlitzer.

Wurlitzer, Rock-Ola und AMI gaben der 45er Platte nur eine kurze überlebenschance und verhielten sich deshalb abwartend. Aber entgegen ihren Erwartungen konnte sich die Single durchsetzen, und Seeburg wurde durch ihren Vorsprung zum Marktführer der 50er Jahre. 1952 brachte Rock-Ola einen neuen Rotationsmechanismus in Form eines senkrecht stehen den Karussells für die Platten im Modell "Fireball" heraus. Diese Musikbox war für Singles gebaut und konnte 60 Platten aufnehmen, sie bot damit 20 Wahlmöglichkeiten mehr als die Seeburg "M 100 A". Bei Wurlitzer war Paul Fuller nach 18jähriger Tätigkeit von seinem Mitarbeiter Joe Clement abgelöst worden. Er bestimmte das noch einige Zeit sehr romantische Design der Wurlitzer Musikboxen und brauchte längere Zeit, um sich dem Geschmack der Rock'n Roll tanzenden Generation anzupassen. Erst mit der "Model 1700", die 1954 herauskam, erreichte man mit 104 Wahlmöglichkeiten den Standard der Seeburg Musikboxen. Die 52 Platten stehen in einem waagerechten Karussell, in dessen Mitte sich der senkrecht stehende Plattenspieler befindet. Die gewählte Platte wird auf dem Karussell in die Höhe des Plattenspielers bewegt und mittels eines Greifarms in den Plattenspieler gesetzt. Mitte der 50er Jahre hatte die Jukebox wieder die höchste Popularitt in Amerika erreicht. Die Teenager trafen sich in den Lokalen, in denen Musikboxen standen, und tanzten und flirteten zu der Musik ihrer Idole: Chuck Berry, Elvis Presley oder Fats Domino. So fanden sie Gelegenheit, sich aus ihrer häuslichen Umgebung zu lösen Die Jukebox und ihre Musik wurde so zu einem wesentlichen Teil der Jugendkultur. Das Design der Musikboxen gibt unverkennbar den Stil der Zeit wieder: blitzendes Chrom und schillernde Farben, heckflossenfrömige Teile, Leuchten, die den Cadillac-Rücklichtern nachgeahmt waren, oder Elemente, die aus der Raumfahrt übernommen wurden.

Die kurze Karriere der Musikbox in Deutschland

In Deutschland wurde die Musikbox durch die Besatzungszeit in den amerikanischen Militrkantinen und Clubs bekannt. Aber erst mit dem einsetzenden Wirtschaftswunder entstand auch in Deutschland ein Markt für Musikboxen. 1950 sollen - nach einem Bericht von 1959 aus den USA 22 Musikboxen importiert worden sein. Höchstwahrscheinlich handelte es sich dabei um gebrauchte Geräte, die überholt und an deutsche Bedingungen angepaßt waren.

Außerdem unterlag die Einfuhr von allen Gütern nach Deutschland wegen der Devisenknappheit strengen Auflagen, so da auch der Import amerikanischer Musikboxen nur mit Genehmigung und beschränkt möglich war.

Die erste deutsche Musikbox "Diplomat" mit 40 Wahlmöglichkeiten stellten Georg Wiegandt und Söhne I952 auf der Herbstmesse vor. Durch diesen Vorsprung blieb Wiegandt führend in der technischen Weiterentwicklung, 1955 war sie die einzige deutsche Herstellerfirma, die 120 Wahlmöglichkeiten anbot.
Tonomat-Automaten brachten dann 1953 die "V102" heraus (Abb. 135), deren Nachfolgemodelle unter der Bezeichnung "Telematic" 1955/1957, "Tonomatic" 1958 und "Panoramic" 1959 auf den Markt kamen. 1954 stieg Theodor Bergmann mit der "Symphonie" in den Musikboxenmarkt ein und schlielich 1956 NSM Apparatebau mit der "Fanfare 6o". Ab Mitte der 50erJahre kamen dann zusätz1ich kleinere Wandgeräte auf, die ähnlich den amerikanischen "Counter Models" der 4oer Jahre für Aufstellter mit beschränktem Raum gedacht waren. Im Vergleich zu den amerikanischen Importen kosteten die deutschen Fabrikate meist nur die Hälfte. Mit der Einführung der Stereophonie kam 1958 eine wichtige Neuerung, die eben falls von Wiegandt mit der "Diplomat C" erstmals auf den Markt gebracht wurde. Die Deutsche Wurlitzer nahm 1960 die Produktion mit der "Lyrik" auf. Neben NSM/ Lwen ist sie heute die einzige Firma, die sich auf dem europischen Markt behaupten konnte und heute in die USA exportiert.

Ab den 6oer Jahren ging das Interesse an der Jukebox zurück, die Modelle wurden nur noch rein funktional und kastenförmig hergestellt. Der Umsatz an Jukeboxes nahm ständig ab. Ein Grund lag sicherlich im Verschwinden der klassischen Aufstellorte wie Rasthausrestaurants, Eisdielen, Straßencafes und Drugstores. Discotheken übernahmen die Funktion für die Jugendlichen, die früher die Tanzcafes besessen hatten. Auch andere Faktoren wie preiswertere Plattenspieler und Langspielplatten, die sich die Jugendlichen auch leisten konnten, trugen zum Ende der Jukebox bei. Diese Entwicklung wirkte sich natürlich auch auf die Industrie aus. AMI mußte fusionieren, Seeburg erlitt finanzielle Verluste, von denen sich die Firma lange Zeit nicht erholte, und die amerikanische Wurlitzer stellte 1974 die Produktion von Musikboxen ein. Die Entwicklung neuer Technologien brachte Musikautomaten mit DAT-Systemen, CD-Abspielvorrichtungen und Video-Musikboxen mit Laserabtastsystemen hervor. ungewiß ist, ob die stilistische Rückbesinnung, wie sie sich beispielsweise am Nachbau der Wurlitzer "Model 1015" erkennen lt, und die neuen Technologien zu einer Renaissance der Musikbox führen können.